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Chemie und Physik auf dem Göttinger Stadtfriedhof


Die aktuelle physikalische und chemische Forschung in unserem Graduiertenkolleg baut vielfach auf den bahnbrechenden Leistungen früherer Forscher mit Bezug zu Göttingen auf. Exemplarisch (und bei weitem nicht vollständig) soll dies an einem kleinen Spaziergang über den Göttinger Stadtfriedhof aufgezeigt werden.
Wenn man (z.B. mit der Buslinie 5 von den Chemie- und Physikinstituten kommend) an der Haltestelle Stadtfriedhof in der Kasseler Landstraße aussteigt, steht man dem nördlichen Eingang zum Stadtfriedhof direkt gegenüber. Nach dem Eingang wendet man sich nach links und findet als eines der ersten Gräber (Feld 4) das von Friedrich Wöhler (1800-1882), der mit seiner Harnstoffsynthese die Brücke zwischen organischer und anorganischer Chemie geschlagen hat. Immer geradeaus bis zum Seiteneingang, findet man zur Rechten (Feld 7) zwei Grabsteine bedeutender Physiker. Neben dem von Wilhelm Weber (1804-1891) (dem Kollegen von Gauß, dessen Grab übrigens auf dem Albani-Friedhof in Göttingen zu finden ist) steht der von Max Born (1882-1970), einem der wichtigsten Väter der modernen Physik (Nobelpreis 1954). Folgt man dem Weg Richtung Süden, so kommt man an den Gräbern der Familie Sartorius vorbei, die als frühes Beispiel für erfolgreiche Firmengründungen aus der Universität heraus gelten kann. Vor dem Feld 69 wendet man sich nach rechts und findet auf Feld 26 rechts hinter einem größeren Stein versteckt die Grabplatte von Otto Wallach (1847-1931), der 1910 für seine Untersuchungen von ätherischen Ölen den Nobelpreis erhalten hat. Auch dies ein Forschungsgebiet, das große industrielle Anwendung gefunden hat (die Duftstoffindustrie, nicht zuletzt im benachbarten Holzminden) und das einen direkten Bezug zu den zwischenmolekularen Wechselwirkungen aufweist, die in unserem Graduiertenkolleg untersucht werden. Kurz davor liegt in einer Seitenstraße (Feld 35) übrigens Karl Schwarzschild begraben, ein Begründer der modernen Astrophysik. Wir folgen aber dem bisher eingeschlagenen Weg weiter, vorbei am Ehrenfriedhof und nach einer Linkskurve bei Feld 47 wieder Richtung Süden, bis wir am Feld 45 rechts einen Grabstein mit der Inschrift "Tammann" sehen. Er gehört zum Familiengrab von Gustav Tammann (1861-1938), der wie kaum ein anderer die fließenden Grenzen zwischen Physik und Chemie, zwischen anorganischer und physikalischer Chemie illustriert. Gleich drei am Graduiertenkolleg beteiligte Institute zählen ihn zu den "Ihrigen" und die Straße, an der die Fakultäten für Chemie und Physik liegen, ist folgerichtig nach ihm benannt. Wir nähern uns hörbar den Bahngleisen am Südende des Friedhofs und folgen ihnen schließlich nach links. Im Feld 61 finden wir die Grabplatte von Richard Zsigmondy (1865-1929), dem Anorganiker und Nobelpreisträger (1925), der das Ultramikroskop entwickelt hat und so erstmals optisch in den Nanometerbereich vorgestoßen ist, welcher im Zentrum vieler Forschungsthemen des Graduiertenkollegs steht. Der Weg führt uns weiter zu einem Teich, dessen Südufer wir folgen. Hier finden wir, gewissermaßen als Höhepunkt des Rundgangs, dicht aneinandergereiht die Grabsteine des Anorganikers von Wartenberg (1880-1960), des Physikers Max von Laue (1879-1960), des Vitaminforschers Windaus (1876-1959), des Physikochemikers Walther Nernst (1864-1941), des Kernchemikers Otto Hahn (1879-1968) und des Entdeckers der Quantentheorie Max Planck ( 1858-1947). Fünf Physik- und Chemie-Nobelpreisträger in wenigen Metern Abstand, zusätzlich zu den drei, an deren Gräber wir zuvor vorbeigekommen waren. Zum 75. Jahrestag der Quantenmechanik wurde neben dem Grab von Laue noch eine Gedenkplakette für Heisenberg angebracht, der in seiner Göttinger Zeit zwar die wesentlichen Entdeckungen gemacht hat und hier später auch Max-Planck-Direktor wurde, aber nicht in Göttingen begraben ist. Folgen wir dem Weg noch etwas weiter, so finden wir am Feld 76 den Grabstein des Mathematikers David Hilbert (1862-1943), dessen Konzepte für die moderne Physik nicht minder bedeutsam waren. Von hier können wir uns wieder in Richtung Norden zum Ausgangspunkt wenden oder den Friedhof durch den Ostausgang verlassen.

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